Projekt Beschreibung

Frühjahrsputz

Was für ein schöner Sommermorgen, wie geschaffen für eine Shopping-Tour! Das Modegeschäft, das zu betreten ich nie gewagt hätte … Ich stand vor dem Schaufenster:  Ich brauchte etwas für die Hochzeitsfeier. Es sollte etwas Dezentes sein. Man stiehlt der Braut ja nicht die Show! Das Fenster war neu dekoriert – dieses rote Kleid!  Die Puppe war so gestellt, dass ich den tiefen Rückenausschnitt sehen konnte. Der ging ja fast bis zum Po! Wie kam man sich nur so zur Schau stellen?! Irgendwie obszön …

Den Mann neben mir hatte ich gar nicht bemerkt, so vertieft war ich in die Betrachtung des Kleides. Ich hob den Blick ein wenig und schreckte zusammen. „Das sollten Sie tragen“, sagte er, „es würde Ihnen wunderbar stehen, Sie haben genau die richtige Figur dafür.“ Ich wollte schon zischen: „Was erlauben Sie sich??,“ aber er sah mich mit einem so freundlichen Blick an, dass ich zu meiner eigenen Überraschung zustimmte: „Ja, ich sollte es probieren.“ Er nickte: „Kommen Sie, probieren Sie es an, bevor es eine andere tut.“ Er öffnete die Ladentür und wir schritten wie ein Paar über die Schwelle.

Es war mal wieder so weit. Nicht, dass ich echte Pläne und Termine zum Aufräumen und Putzen setzen würde. Bei mir ergibt sich das von ganz alleine. Wenn ich meine Nachbarn nicht mehr erkenne, sobald ich aus dem Fenster schaue, weiß ich, es ist Zeit zum Fensterputzen. Nun war mein Kleiderschrank dran. Schließlich kotzte er mir in letzter Zeit jedes Mal Berge von Klamotten entgegen, wenn ich gewaschene Wäsche verstauen wollte. Es kam mir sehr entgegen, dass wir gerade im Frühjahr waren, sodass ich die dicken Wintersachen aussortieren konnte. Lustigerweise kamen mir beim Aussortieren Kleidungsstücke entgegen, die sich einmal wieder bei mir vorstellen mussten. Beim näheren Wieder-Kennenlernen …

Ach! Dieses Kleid hatte ich ja auch noch … Ich nahm den Bügel und zog es aus dem Schrank. Was für ein schönes Sommerkleid! Das raffiniert geschnittene Oberteil, der ausgestellte Rock, der bei jedem Schritt so wunderbar schwingt. Die Farbe! Dieses knallige Rot, der seidige Glanz. Nie hätte ich es gewagt, mir so ein auffälliges Kleid zu kaufen. Dieser fließende Stoff! Ich hielt es an mich, drehte mich vor dem Schlafzimmerspiegel im Tanzschritt. Einen wunderbaren Tag hatten wir gehabt. Wann war das gewesen? Ich setzte mich mit dem Kleid aufs Bett. Das Aussortieren des Kleiderschranks hatte ich vergessen. War das 2010? Nein. Meine Gedanken gingen auf die Reise in das Jahr der Hochzeit meiner Schwester.