Projekt Beschreibung

Der folgende Text wurde von drei Autor*innen gemeinsam verfasst. Die erste Person skizzierte den Beginn einer krisenhaften Situation. Die zweite Person spitzte die Krise zu und die dritte beendete sie so, wie es ihr stimmig erschien.

Holz hacken

Um 14 Uhr fährt mein Zug nach Dresden. Jetzt ist es später Vormittag und ich möchte so gern noch in den Garten. Bis gestern habe ich unser angeliefertes Brennholz aus dem Wald gehackt; nur noch ein kleiner Rest ist übrig, den ich am Vortag nicht mehr geschafft habe. Der Koffer ist gepackt, alles habe ich für die Abfahrt vorbereitet. Warum soll ich nicht noch schnell diesen Rest Holz hacken? Gesagt, getan, ich ziehe mich um, hole die Axt und mache mich auf den Weg in den Garten. Ich sehe, dass mein Mann etwas kritisch schaut. Aber ich beruhige ihn: „Habe alles im Griff!“ Und los geht’s.

Wirklich, es ist nur noch ein kleiner Rest. Schnell wird der Haufen kleiner. Ich schaue auf die Uhr, werde automatisch schneller, hacke mit einer Hand und halte mit der anderen das Holzstück fest, damit es nicht herunterfällt und ich gleich weitermachen kann. Zeit sparen!

Und da passiert es… Ich merke, dass ich mich mit der Axt an der rechten Hand verletzt habe, traue mich aber nicht, den Handschuh auszuziehen und nachzusehen.

Ich rufe einfach nur laut: „Hubert, Hilfe! Hilfe! Mein Mann kommt aus dem Haus gelaufen und fragt: „Was ist denn los?“ Ich blicke auf meine rechte Hand, die ich hoch in die Luft halte. Hubert zieht mir vorsichtig den Handschuh aus und wir sehen, dass ein Großteil meiner Hand blutig verschmiert ist. Ich bibbere vor mich hin und kann gar nichts tun und auch nicht hinschauen. Hubert legt behutsam seinen Arm um mich und wir gehen langsam ins Haus. Drin holt er schnell ein Tuch und umwickelt damit meine blutige Hand. Aus der klaffenden Wunde blutet es wie verrückt. Ein weiteres Tuch wird fest um meine Hand gewickelt und mein Mann fährt mich in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Mir ist schlecht, ich zittere und kann mich kaum auf den Beinen halten. „Mein Gott“, sagt Hubert immer wieder. „Mein Gott.“ Und: „Du siehst aus wie ein Gespenst.“ Er pflanzt mich auf einen Stuhl im Wartebereich und stellt sich in die Reihe zur Anmeldung. Wir haben Glück, es geht schnell voran. Dann wieder warten. Hubert kramt ein Bonbon aus seiner Tasche und steckt es mir in den Mund. „Hier, lutsch das: Zucker. Das brauchst du.“ „Ach, Hubert!“, denke ich. „Warum weißt du eigentlich immer, was ich gerade brauche?“

Ich bin dran. „Wie haben Sie das denn angestellt, junge Frau?“ Ich bewundere den müden Arzt für seine Ruhe. „Na, das müssen wir nähen. Aber Sie haben Glück gehabt: keine Sehne, kein Knochen.“ Aufatmen. Das ist gut!

Ich soll trotzdem eine Nacht dableiben. Mit frisch genähter und verbundener Hand sitze ich in meinem Bett, Hubert daneben auf dem unbequemen Besucherstuhl, ein Rätsel lösend.

Dann kann ich nicht mehr anders. „Scheiße!“, entfährt es mir. „Ich bin so blöd! Warum musste ich das auch machen? Ich bin so bescheuert! So unglaublich bescheuert!“

Hubert guckt auf, sieht mich ruhig an. Da brechen alle Dämme und ich heule und heule. Ich wollte doch nach Dresden! Klassentreffen. Das erste seit 30 Jahren. Jetzt findet das ohne mich statt. Wer weiß, ob es noch mal eine Gelegenheit gibt? Hubert war von dem Treffen ja nicht so begeistert; immer noch eifersüchtig auf Rudi… Ach ja, Rudi. Rudi. Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein mit den alten Geschichten.

Ich heule und heule immer weiter. Hubert legt nur seine Hand auf mein Bein und guckt mich an.

„Weißt du was?“, meint er plötzlich. „Ich fahr‘ dich jetzt nach Dresden. Wer so viel Holz hacken und zetern kann wie du, der muss doch wegen so einer blöden Naht nicht im Krankenhaus bleiben. Wir melden mich im Hotel mit an, du gehst zu deinem Treffen – besser spät als nie. Ich guck‘ blöde Serien im Zimmer und alles ist gut. Ich freu mich schon aufs Frühstücksbuffet.“

„Ach, Hubert“, denke ich. „Kannst du eigentlich Gedanken lesen?“

Ich schniefe noch einmal in das bereits rotztriefende Taschentuch und hieve die Beine aus dem Bett. „Darf ich dich küssen?“, frage ich. Hubert drückt mir einen Kuss auf den verheulten Mund: „Und jetzt raus hier. Aber schnell!“

Während ich meine Schuhe anziehe – zubinden kann ich vergessen –, höre ich, wie Hubert der Krankenschwester irgendwas von „Krankenhausphobie“, „Ersthelferausbildung“ und „dringenden Terminen“ erzählt. Dann klingelt es im Schwesternzimmer – unsere Chance. „Jetzt!“, sagt Hubert. „Beeil dich!“

Irgendwie schaffe ich es, mit den offenen Schuhen zum Auto zu stolpern, wir lachen, bis uns der Bauch wehtut, Hubert schmeißt zu Hause nur meinen Koffer und seine Zahnbürste ins Auto und irgendwo zwischen Brennholz und Dresden schlafe ich ein.